Aus der SPD

Historisches Stichwort: Willy Brandt in Lüdenscheid

Willy Brandt wurde 1913 in Lübeck geboren und machte dort 1932 sein Abitur. Er trat 1930 der SPD bei, später emigrierte er 1934 nach Oslo und arbeitete dort für verschiedene norwegische Zeitungen. Im August 1940 bekam er in Stockholm die norwegische Staatsbürgerschaft. Nach dem Zusammenbruch Deutschlands kehrte Brandt 1945 zurück, 1949 begann seine politische Karriere als Berliner Abgeordneter im ersten deutschen Bundestag. 1950 wurde er auch Abgeordneter in Berlin. 1957 wurde er dort als Nachfolger von Otto Suhr zum regierenden Bürgermeister. Aufgrund seiner konsequenten  Haltung während der Berlin-Krise 1958 und nach dem Mauerbau 1961 gewann er schnell auch große bundespolitische Bedeutung.

Am 24.September 1960 besuchte Willy Brandt Lüdenscheid, die Schützenhalle musste wegen Überfüllung geschlossen werden.  In seiner Ansprache ging er vor allem auf die Situation Westberlins ein. Insbesondere bedankte er sich für die  Unterstützung beim Kampf für die Freiheit Berlins: „wenn in Berlin die Lichter ausgehen, dann wird auch in der Zone vollends die Dunkelheit der Verzweiflung herrschen.“ Bei dem Besuch in Lüdenscheid  trug er sich in das goldene Buch ein, das Bild zeigt ihn mit Stadtdirektor Dr.Brinkmann, Bundestagsabgeordneten Erwin Welke und Oberbürgermeister August Schlingmann. Erwin Welke gehörte von 1949 bis 1969 dem Deutschen Bundestag in Bonn an und war von 1964 bis 1971 auch Oberbürgermeister von Lüdenscheid. August Schlingmann (geboren 1901) war bereits vor dem Krieg stellv. Ortsvereinsvorsitzender, danach Oberbürgermeister von Lüdenscheid von 1953 bis 1961 und Landtagsabgeordneter von 1950-1966.
Bei der Bundestagswahl 1961 trat Brandt erstmals als Kanzlerkandidat seiner Partei gegen den damals 85 Jahre alten Konrad Adenauer an. Im Wahlkampf wurde Brandt häufig mit dem jugendlich wirkenden charismatischen US-Präsidenten John F. Kennedy verglichen. 1964 wurde Brandt Nachfolger des verstorbenen Erich Ollenhauer als Bundesvorsitzender der SPD, ein Amt, das er bis 1987 innehatte. Auch 1965 besuchte Willy Brandt Lüdenscheid und unterstütze Erwin Welke. Nach Erhards Rücktritt 1966 wurde Kurt Georg Kiesinger (CDU) zum Bundeskanzler gewählt, der eine Große Koalition mit der SPD bildete. Willy Brandt übernahm das Amt des Außenministers und Stellvertreter des Bundeskanzlers.
Nach der Bundestagswahl von 1969 ergriff die SPD die Chance zur Bildung der sozialliberalen Koalition mit der FDP. Der Bundestag wählte Brandt zum vierten Bundeskanzler in der Geschichte der Bundesrepublik.
Brandts Amtszeit ist verbunden mit dem Motto „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ und mit dem Stichwort einer „Neuen Ostpolitik“, die den Kalten Krieg unter der Losung „Wandel durch Annäherung“ (Egon Bahr) bzw. „Politik der kleinen Schritte“ abmildern und die Berliner Mauer durchlässiger machen sollte. Gesellschaftlich gelang es der SPD, große Teile der kritischen Jugend zu integrieren.
Im August 1971 wurde in Lüdenscheid die IKA 71 (Internationale Kunstausstellung) mit dem Untertitel: Wohnen und Leben im Jahr 2000 – eröffnet. Der Bundeskanzler konnte für einen Rundgang gewonnen werdem. Seit dem Amtsantritt der Regierung Brandt bis zum Jahr 1972 waren einige Abgeordnete der SPD und der FDP zur Unionsfraktion gewechselt. Der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Rainer Barzel glaubte daher im April 1972, Willy Brandt mittels eines konstruktiven Misstrauensvotums ablösen zu können.

Bei den Neuwahlen im November 1972 wurde die Regierung Brandt bestätigt und verfügte nunmehr über eine handlungsfähige Mehrheit im Bundestag. Die SPD wurde mit 45,8 % der Stimmen erstmals stärkste Bundestagsfraktion, ein Ergebnis, das auch im Ausland als Volksabstimmung über die Ostverträge verstanden wurde, für deren parlamentarische Ratifizierung jetzt der Weg frei war. Auch nach seinem Rücktritt vom Amt des Bundeskanzlers 1974 blieb Brandt politisch aktiv: 1976 wurde er Präsident der Sozialistischen Internationale (bis zum 15. September 1992).
1980 besuchte Willy Brandt als Parteivorsitzender im Rahmen des Wahlkampf zum Bundestag wieder Lüdenscheid. Vor 3000 begeisterten Zuhörern auf dem Sternplatz warb er für den heimischen Bundestagsabgeordnete Günter Topmann und zur Fortsetzung der sozialliberalen Koalition unter Bundeskanzler Helmut Schmidt. Nach der Rede ging er mit vielen Lüdenscheider SPD-Funktionären durch die Wilhelmstraße und zur Arbeiterwohlfahrt an der Marienstraße auf eine Seniorenehrung. Leider musste Erwin Welke aus gesundheitlichen Gründen absagen. Nach den Bundestagswahlen 1987 und 1990 eröffnete Brandt den jeweiligen Bundestag als tatsächlicher  Alterspräsident. Nach dem Fall der Mauer gehörte Brandt zu den entschiedenen Befürwortern eines Regierungsumzugs von Bonn nach Berlin. Am 20. Juni 1991 beschloss der Bundestag – unter anderem auf Antrag Willy Brandts – schließlich den Umzug nach Berlin. Er starb schließlich am 8. Oktober 1992 in seinem Haus in Unkel an einer schweren Krebserkrankung.

Ein Beitrag von Harald Metzger für die November-Ausgabe der ROTation. Wir bedanken uns bei der Westfälischen Rundschau und beim Lüdenscheider Stadtarchiv für die Bereitstellung des Bildmaterials!